Traumreisen Blog


Touristen entdecken Anatolien neu – Teil 2
9. Februar 2010, 15:10
Filed under: Türkei | Tags: , , , ,

Apropos Schlafen. Zwei Blöcke entfernt vom Partymekka strömen Nostalgietouristen nicht mehr nur ins altehrwürdige “Pera Palace”-Hotel, in dem Agatha Christie ihren “Mord im Orient-Express” schrieb. Junge Leute zieht es 300 Meter weiter ins “Grand Hotel de Londres”, einen Drehort von Fatih Akins Kinohit “Gegen die Wand”. Für den langen Flug bietet Backgammon eine gute Unterhaltung.

Überall trifft man auf Atatürk, den Begründer der modernen Türkei. Sein Konterfei hängt in Hotel-Lobbys, Teehäusern und Lokalen wie das eines Popstars. Mal im einzelnen Rahmen, dann als Bildergalerie über einer Theke. Er ist wohl nicht ganz unbeteiligt daran, dass heute über einen EU-Beitritt der Türkei nachgedacht wird.

Ein Überbleibsel aus alten Zeiten ist die rote Straßenbahn, die tagsüber im Fünf-Minuten-Takt die Istiklal Caddesi rauf und runter bimmelt. An der Endstation, am “Tünel”, liegt das “Babylon”, der Konzertsaal für die Off-Szene. Das andere Ende ist am Taksim. Das ist der Platz der Unabhängigkeit, der eher wie eine riesige Betonplatte aus Stalins Zeiten aussieht als wie ein Symbol für die moderne Türkei. Hier eröffnete 1987 das erste MC Donalds in Istanbul.

Kommt man am Taksim aus dem “Kimanci”, einem Tanzclub über mehrere Etagen, in dem der DJ von klassischem Rock bis zu türkischer Musik alles mischt, stolpert man von einer Imbissbude zur nächsten. Auch morgens um vier gibt es Döner bis zum Abwinken. Um diese Zeit aber auch zwielichtige Gestalten.

Wer so richtig abzappeln will, muss sich ins Taxi schwingen. Etwas außerhalb von Besiktas liegen gleich drei Discos aufgereiht an einer Straße. Die bekannteste ist die Open-Air-Disco “Laila”, etwas weiter das “Reina” – beides “Schicki-Micki-Clubs mit rund 20 Euro Eintrit”", meint der 32-jährige Tunc Aksa. Richtig trendy unter Istanbuler Jugendlichen ist das “Crystal”, eine Disco mit House- und Technomusik. Und in lauen Sommernächten wird auch der Bosporus zur Beachparty-Meile erklärt.

Zum Chill-Out nach durchtanzter Nacht kann man direkt in der Gegend bleiben. In “Tophane Nargile”, einer Kissen- und Teppichlandschaft, wabert einem der Geruch von Honig-Melonen- oder Bratapfeltabak entgegen. Ausspannen auf Türkisch bei “nargile” und “tavla” – bei Wasserpfeife und Backgammon. Das ist gerade bei jungen Türken wieder Kult. Kultig ist auch das Künstlerviertel Ortaköy mit seinem mediterranen Flair. Dafür sorgen die bunten Häuser an der Bosporus-Promenade, viele Silberschmuckgeschäfte, Straßencafés und Billardkneipen. Sonntags gibt es hier einen Kleinkunstflohmarkt. Und alles nur einen Katzensprung von der Hagia Sophia, dem alten Zentrum der heimlichen Hauptstadt, entfernt. NICOLE NELISSEN
i
Info-Abteilung des Türkischen Generalkonsulats, Baseler Str. 35-37, 60329 Frankfurt, 069/233081, Fax 069/232 751, Einreise: Mit gültigem Reisepass oder Personalausweis. Bei Einreise mit Personalausweis erhalten
Sie einen Einreisestempel auf ein Extrablatt, das bei der Ausreise vorgelegt werden muss.

Währung: 1,85 Mio Lira = 1 Euro. Ab Januar 2005 werden vom aktuellen Kurs sechs Nullen gestrichen. In Hotels und an Wechselschaltern ist der Geldtausch meist günstiger als in der Bank. In größeren Orten kann man mit EC- und gängiger Kreditkarte Geld ziehen.

Zeit: Die Türkei liegt in der osteuropäischen Zeitzone (Mitteleuropäische Zeit plus eine Stunde)

Beste Reisezeit: ganzjährig, allerdings kann es im Winter empfindlich kalt werden

Kommentare deaktiviert


Touristen entdecken Anatolien neu
9. Februar 2010, 15:08
Filed under: Türkei | Tags: , , , ,

In Anatolien, wo einmal die Außengrenze der Europäischen Union sein könnte, ist die Welt noch eine andere. Gerade 18 Kilometer von der mit Stacheldraht und einer weitläufigen Sperrzone gesicherten Grenze zu Syrien liegt das Trullidorf Harran.

Gouverneur Abdulkadir Sari setzt gleich ein Kamerateam in Bewegung, als der Öger-Bus mit den Rundreise-Touristen in “seinem” entlegenen Teil der Türkei ankommt. Kleinasien als Brücke zwischen Okzident und Orient – das ist sein Traum von der Zukunft. Und das sagt er bei der Begegnung zwischen Abendland und Morgenland auch dem Fernseh-Team.

200 Jahre alt sind die Lehmhütten von Harran. Doch für uns werden sie in Minutenschnelle von ihren Bewohnern in den Schatten gestellt. Immer mehr Menschen, vorneweg die Kinder, kommen aus den Häusern. Sie sprechen Türkisch und Arabisch, ein bisschen Englisch. Sie wollen Talismänner aus Kichererbsen verkaufen. Und sie wollen meine Haarspangen.

Weiter geht die Fahrt, vorbei an Plantagen voller Granatäpfel-, Orangen- und Pistazienbäumen, vorbei an Baumwollfeldern und Wasserpipelines. Euphrat und Tigris sind die Lebensadern der Region – vor allem, seit sie durch das gigantische Südostanatolien-Projekt gestaut werden. Bis 2010 entstehen 19 Wasserkraftwerke; 22 Staudämme sollen helfen, die trockene Erde in blühende Landschaften zu verwandeln. Die Anstrengung zeigt Erfolge: Riesige saftgrüne Rechtecke leuchten zwischen bräunlich-kargen.

In Urlauber-Ohren klingen Begriffe wie “Zweistromland” und “Mesopotamien” ziemlich aufregend. “Stinklangweilig” finden Einheimische die Brücke über den Euphrat. Entsprechend verwundert schauen sich hupende Fernfahrer das Grüppchen Touristen an, das bei staubiger Hitze mit Kameras losmarschiert. Noch gibt es hier nicht viel mehr als Tankstellen, Motels, Eselkarren, Lkw und Abgase. Nur biblisches Wasser und Baumwolle. Immer wieder Baumwolle. Überall blühen Felder mit dem “weißen Gold”, wie man hier sagt. Acht Millionen türkische Lira könne man pro Tag mit dem Pflücken verdienen, sagt Reiseleiter Tunc Aksa. Das sind weniger als fünf Euro. Der 32-jährige Türke mit dem akzentfreien Deutsch hat sein Germanistikstudium geschmissen. Selbst Lehrer würden als Berufsanfänger in der Türkei nur etwa 320 Euro verdienen, das sei ihm zu wenig.

Frauen mit Atemschutz pflücken die Baumwolle, am frühen Abend holen Lkw die Ernte ab. Was früher die Karawane auf der Seidenstraße, ist heutzutage der Stau hinter diesen haushoch mit Baumwolle beladenen Transportern. Die meisten fahren in die Hafen- und Industriestadt Adana – und bringen Wohlstand. “AS” ist das Kürzel, das einem überall dort begegnet. Es steht für Sabanci und Adana. Es prangt an ansässigen Betrieben, an Kulturstiftungen oder am besten Hotel der Stadt mit toller Aussicht: auf die größte Moschee der Türkei mit sechs Minaretten. Dieses überdimensional große Gebetshaus hat sich dieser Herr Sabanci als Denkmal gesetzt. Der Großunternehmer in Sachen Textilien zieht mit Arbeitsplätzen die Leute an.

Adana ist der Newcomer unter den türkischen Metropolen, aber auch als ehemaliger Stützpunkt für die US-Luftwaffe im Golfkrieg bekannt. “Beim letzten Irak-Krieg haben wir uns geweigert. Trotzdem war in der Tourismusbranche zweieinhalb Monate lang tote Hose”, klagt Reiseleiter Tunc Aksa.

Die in jüngster Zeit auf zwei Millionen Einwohner angewachsene Stadt ist für Touristen meist nur Ausgangspunkt für Touren entlang der Seidenstraße. Denn durch den südöstlichsten Zipfel der Türkei zogen einst die Handelskarawanen entlang des Euphrat. Durch biblisch schöne Landschaften, schroffe Gebirge und vorbei an den ältesten Städten des Landes.

Nach 15 Jahren Isolation durch den Krieg zwischen Kurdischer Arbeiterpartei (PKK) und türkischer Armee von 1984 bis 1999 öffnet sich die Region entlang der Grenzen zu Syrien, Iran und Irak nun wieder. “Wir sind ein Friedens-punkt der Religionen und die Synthese aus vielen Kulturen”, schwärmt Gouverneur Abdulkadir Sari. Er spricht von verkannten Schätzen, die touristisch kaum entdeckt seien. Vom arabisch geprägten Antakya, der Prophetenstadt Urfa mit dem heiligen Karpfenteich und der Abrahamsgrotte, vom Götterberg Nemrut oder von Mardin.

Das ist eine mittelalterliche Stadt mit scheinbar ungebrochener Männer-Herrschaft. Zumindest auf den Straßen und natürlich im Kaffeehaus. Im Gassengewirr wimmelt es aber von Kindern und Frauen. Die gucken freundlich, winken und strahlen, wenn man ihnen das gerade geschossene Foto im Display der Digitalkamera zeigt. Es gibt halt noch keine Touristenströme hier.

Eine Frau eilt herbei. “Seid Ihr Deutsche? Ich möchte mit Euch sprechen”, sprudelt die Lehramtsstudentin los. Sonst gäbe es ja niemanden, mit dem sie ihre Deutsch-Kenntnisse vertiefen könne. Aber da wartet schon wieder der Reisebus, der überall für Aufsehen sorgt, als käme der Staatspräsident persönlich.

Hier gehts zum 2ten Teil

Kommentare deaktiviert