Traumreisen Blog


Touristen entdecken Anatolien neu
9. Februar 2010, 15:08
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In Anatolien, wo einmal die Außengrenze der Europäischen Union sein könnte, ist die Welt noch eine andere. Gerade 18 Kilometer von der mit Stacheldraht und einer weitläufigen Sperrzone gesicherten Grenze zu Syrien liegt das Trullidorf Harran.

Gouverneur Abdulkadir Sari setzt gleich ein Kamerateam in Bewegung, als der Öger-Bus mit den Rundreise-Touristen in “seinem” entlegenen Teil der Türkei ankommt. Kleinasien als Brücke zwischen Okzident und Orient – das ist sein Traum von der Zukunft. Und das sagt er bei der Begegnung zwischen Abendland und Morgenland auch dem Fernseh-Team.

200 Jahre alt sind die Lehmhütten von Harran. Doch für uns werden sie in Minutenschnelle von ihren Bewohnern in den Schatten gestellt. Immer mehr Menschen, vorneweg die Kinder, kommen aus den Häusern. Sie sprechen Türkisch und Arabisch, ein bisschen Englisch. Sie wollen Talismänner aus Kichererbsen verkaufen. Und sie wollen meine Haarspangen.

Weiter geht die Fahrt, vorbei an Plantagen voller Granatäpfel-, Orangen- und Pistazienbäumen, vorbei an Baumwollfeldern und Wasserpipelines. Euphrat und Tigris sind die Lebensadern der Region – vor allem, seit sie durch das gigantische Südostanatolien-Projekt gestaut werden. Bis 2010 entstehen 19 Wasserkraftwerke; 22 Staudämme sollen helfen, die trockene Erde in blühende Landschaften zu verwandeln. Die Anstrengung zeigt Erfolge: Riesige saftgrüne Rechtecke leuchten zwischen bräunlich-kargen.

In Urlauber-Ohren klingen Begriffe wie “Zweistromland” und “Mesopotamien” ziemlich aufregend. “Stinklangweilig” finden Einheimische die Brücke über den Euphrat. Entsprechend verwundert schauen sich hupende Fernfahrer das Grüppchen Touristen an, das bei staubiger Hitze mit Kameras losmarschiert. Noch gibt es hier nicht viel mehr als Tankstellen, Motels, Eselkarren, Lkw und Abgase. Nur biblisches Wasser und Baumwolle. Immer wieder Baumwolle. Überall blühen Felder mit dem “weißen Gold”, wie man hier sagt. Acht Millionen türkische Lira könne man pro Tag mit dem Pflücken verdienen, sagt Reiseleiter Tunc Aksa. Das sind weniger als fünf Euro. Der 32-jährige Türke mit dem akzentfreien Deutsch hat sein Germanistikstudium geschmissen. Selbst Lehrer würden als Berufsanfänger in der Türkei nur etwa 320 Euro verdienen, das sei ihm zu wenig.

Frauen mit Atemschutz pflücken die Baumwolle, am frühen Abend holen Lkw die Ernte ab. Was früher die Karawane auf der Seidenstraße, ist heutzutage der Stau hinter diesen haushoch mit Baumwolle beladenen Transportern. Die meisten fahren in die Hafen- und Industriestadt Adana – und bringen Wohlstand. “AS” ist das Kürzel, das einem überall dort begegnet. Es steht für Sabanci und Adana. Es prangt an ansässigen Betrieben, an Kulturstiftungen oder am besten Hotel der Stadt mit toller Aussicht: auf die größte Moschee der Türkei mit sechs Minaretten. Dieses überdimensional große Gebetshaus hat sich dieser Herr Sabanci als Denkmal gesetzt. Der Großunternehmer in Sachen Textilien zieht mit Arbeitsplätzen die Leute an.

Adana ist der Newcomer unter den türkischen Metropolen, aber auch als ehemaliger Stützpunkt für die US-Luftwaffe im Golfkrieg bekannt. “Beim letzten Irak-Krieg haben wir uns geweigert. Trotzdem war in der Tourismusbranche zweieinhalb Monate lang tote Hose”, klagt Reiseleiter Tunc Aksa.

Die in jüngster Zeit auf zwei Millionen Einwohner angewachsene Stadt ist für Touristen meist nur Ausgangspunkt für Touren entlang der Seidenstraße. Denn durch den südöstlichsten Zipfel der Türkei zogen einst die Handelskarawanen entlang des Euphrat. Durch biblisch schöne Landschaften, schroffe Gebirge und vorbei an den ältesten Städten des Landes.

Nach 15 Jahren Isolation durch den Krieg zwischen Kurdischer Arbeiterpartei (PKK) und türkischer Armee von 1984 bis 1999 öffnet sich die Region entlang der Grenzen zu Syrien, Iran und Irak nun wieder. “Wir sind ein Friedens-punkt der Religionen und die Synthese aus vielen Kulturen”, schwärmt Gouverneur Abdulkadir Sari. Er spricht von verkannten Schätzen, die touristisch kaum entdeckt seien. Vom arabisch geprägten Antakya, der Prophetenstadt Urfa mit dem heiligen Karpfenteich und der Abrahamsgrotte, vom Götterberg Nemrut oder von Mardin.

Das ist eine mittelalterliche Stadt mit scheinbar ungebrochener Männer-Herrschaft. Zumindest auf den Straßen und natürlich im Kaffeehaus. Im Gassengewirr wimmelt es aber von Kindern und Frauen. Die gucken freundlich, winken und strahlen, wenn man ihnen das gerade geschossene Foto im Display der Digitalkamera zeigt. Es gibt halt noch keine Touristenströme hier.

Eine Frau eilt herbei. “Seid Ihr Deutsche? Ich möchte mit Euch sprechen”, sprudelt die Lehramtsstudentin los. Sonst gäbe es ja niemanden, mit dem sie ihre Deutsch-Kenntnisse vertiefen könne. Aber da wartet schon wieder der Reisebus, der überall für Aufsehen sorgt, als käme der Staatspräsident persönlich.

Hier gehts zum 2ten Teil

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